
„Ich hab‘ ein Problem mit dem Wort „Stolz“.“
Armin Wolf
Im großen „Krone“-Geburtstagsinterview spricht der „ZiB 2“-Star über FPÖ-Parteichef Herbert Kickl und Bundespräsident Alexander Van der Bellen sowie US-Präsident Donald Trumps Lügen, das Alter und die Liebe, eine Schönheits-OP und seine Pläne für das Leben nach dem ORF.
Er kommt mit dem Rad zum Palmenhaus im Wiener Burggarten, obwohl er seit 13 Jahren auch einen hellgrauen Smart fährt. An zwei Tischen wird sofort getuschelt, als der ORF-Anchorman die Glashaus-Brasserie mit den exotischen Gewächsen betritt. Die Temperatur passt zur Flora: 30 Grad hat es an diesem späten Vormittag schon. Dafür sieht Armin Wolf eigentlich ganz frisch aus in seinem schneeweißen Hemd.
„Hat meine Frau angeordnet“, schmunzelt er und bestellt einen großen Traubensaft gespritzt. Diesmal stellt nicht er die Fragen, und deshalb musste er sich auch nicht stundenlang vorbereiten, was eines der Erfolgsgeheimnisse des gefürchteten Interviewers ist. „Wie ich die letzten 60 Jahre verbracht habe, weiß ich ja“, lacht er, und wir sind schon bei seinem Geburtstag.
Conny Bischofberger: Am 19. August 1966 kommt Armin Wolf als Kind einer Lebensmittelverkäuferin und eines Hausmeisters und Betriebsrats auf die Welt. 60 Jahre später sitzt er im wichtigsten Interviewsessel des Landes. Worauf wären Ihre Eltern heute stolz?
Armin Wolf: Meine Mutter ist 2001 gestorben, sie hat das nicht mehr mitgekriegt. Mein Vater wäre stolz darauf, dass er seinen Sohn nicht durchfüttern muss. Das war seine große Sorge, als ich ihm mitgeteilt habe, ich werde Politikwissenschaft studieren.
Und was empfinden Sie, wenn Sie an Ihren Aufstieg denken – aus einer Sozialbauwohnung im Olympischen Dorf in Innsbruck zum größten Medienunternehmen des Landes?
Wenn mir das mit 14 jemand erzählt hätte, ich hätte es für unmöglich gehalten. In unserem Haus mit 78 Wohnungen hat kein einziger Akademiker gelebt. Der einzige Herr Doktor, den ich damals kannte, war unser Hausarzt. Meine Oma, die eine kleine Greißlerei hatte, aber eigentlich als Kind Volksschullehrerin werden wollte, hat ganz lange mit meinem Vater gestritten, dass ich weiter in die Schule gehen und Matura machen darf. Und dann war der Deal: Es muss eine berufsbildende Schule sein, und wenn ich den ersten Vierer im Zeugnis habe, muss ich mir eine Lehrstelle suchen. Mein Studium hab ich mir dann selber finanziert.
Ist da auch Stolz?
Ich hab‘ ein Problem mit dem Wort „Stolz“. Ich bin total happy, dass ich Journalist geworden bin, das war ja ursprünglich nicht geplant. Mir hat der Job immer Spaß gemacht, ob als Radioreporter, als Korrespondent oder als Sendungsleiter. Irgendwann bin ich dann ins Moderieren gestolpert.
ORF-Aushängeschild, Top-Interviewer, Anchorman: Sie haben Ihr halbes Berufsleben damit verbracht, anderen Menschen kritische und oft auch unangenehme Fragen zu stellen. Was fürchten Sie, könnte ich Sie Unangenehmes fragen?
Nichts. Wenn mir eine Frage zu privat wäre, würde ich sie nicht beantworten. Über meinen Job können Sie mich alles fragen. Er wird aus öffentlichen Geldern bezahlt, und da bin ich der Öffentlichkeit auch Rechenschaft schuldig.
Haben Sie einmal gezählt, wie viele Bundespräsidenten, Kanzler und Minister Sie in den vergangenen 25 Jahren interviewt haben?
Minister waren es unzählige. Präsidenten und Kanzler alle seit Vranitzky.
Wer war der Angenehmste, wer der Unangenehmste?
Der Angenehmste war Alexander Van der Bellen, als er grüner Parteichef war und später auch als Bundespräsident. Er hat tatsächlich Fragen beantwortet. Er gibt aber keine Interviews mehr, was sehr schade ist. Unangenehm sind alle, die sehr ausführlich Fragen nicht beantworten. Das sind sehr viele, unterschiedlich talentiert.
Wie war Wladimir Putin?
Sehr unangenehm. (lacht)
Würden Sie gerne Donald Trump interviewen?
Ja, aber nicht, weil ich so wahnsinnig gern Donald Trump treffen würde, sondern weil er der mächtigste Politiker der Welt ist. Das Interview wäre an sich sinnlos, weil Trump einfach hemmungslos lügt. Aber man müsste es natürlich trotzdem machen.
Was wäre Ihre erste Frage?
Das hat mich schon mal jemand gefragt und darum habe ich darüber nachgedacht. Meine erste Frage an Donald Trump wäre: „Herr Präsident, Sie haben in Ihrer ersten Amtszeit nachweislich 30.573 Mal öffentlich die Unwahrheit gesagt. Warum sollte Ihnen unser Publikum in diesem Interview etwas glauben?“
Wen aus der Geschichte hätten Sie noch gerne interviewt?
Meine beiden Großväter. Der eine starb lang vor meiner Geburt, der andere, als ich fünf war.
Ein Leser schreibt über Sie: „Seine Verhörkünste sind bekannt und berüchtigt. Er ist ein Interviewprofi, hart in der Sache, aber manchmal nicht neutral und objektiv.“ Was antworten Sie ihm?
Erstens: Alle Menschen, die die Interviews in der „ZiB 2“ mit einem Verhör vergleichen, waren noch nie in einem Verhör. Unsere Gäste kommen freiwillig, sie können antworten, was immer sie wollen, und sie können jederzeit gehen. Probieren Sie das mal in einem Verhör. Zweitens: Ich bin in politischen Interviews nie neutral, weil ich grundsätzlich immer die Gegenposition einnehme, damit die Gäste ihre Politik erklären müssen und nicht nur einfach verkünden können. Meine Objektivität entsteht dadurch, dass ich das bei allen mache, egal von welcher Partei.
Woher kommt dann das Gefühl bei vielen und auch die Kritik, die Sie sich immer wieder gefallen lassen müssen: Dass Sie manche – meistens politisch rechts Stehende – kritischer befragen als andere?
Den Menschen mit diesem Gefühl würde ich meine Mailbox empfehlen, wenn ich Herrn Babler interviewt habe oder Sigrid Maurer. Es ist wie bei Fußballfans. Die haben auch immer das Gefühl, der Schiedsrichter pfeift für das andere Team. Und Fans von Politikern haben das Gefühl, dass ich bei ihrem Politiker speziell gemein bin. Ich bin aber zu allen gleich – unter Anführungszeichen – gemein.
Was machen diese Angriffe, auch aus der Politik, mit Ihnen – bis hin zur Drohung, das werde Folgen haben für Ihre Karriere?
Das verwundert mich eher. Angst hat es mir noch nie gemacht. Selbst wenn das ernst gemeint wäre, würde ich halt woanders arbeiten.
Mittlerweile kommen ja viele Politiker gar nicht mehr in die „ZiB 2“. Ist das ein Problem von Ihnen, des ORF oder der Demokratie?
Dass sich Politiker immer weniger kritischen Fragen stellen, ist ein Problem für die Demokratie. Früher mussten sie in Massenmedien gehen, heute bringen sie ihre Botschaften über Social Media in die Welt. Herr Kickl kann das ganze Jahr nicht zum ORF kommen und trotzdem über seine eigenen Medien Hunderttausende Menschen erreichen. Da wird er dann von seiner Pressesprecherin interviewt, die dementsprechend kritische Fragen stellt. Und das halte ich demokratiepolitisch für ein großes Problem.
Bei wem finden Sie es bedauerlicher, dass er nur noch über Social Media kommuniziert: beim FPÖ-Chef oder beim Bundespräsidenten?
Ich finde es bei beiden bedauerlich und bei beiden bedenklich.
Sie haben ab 2011 auch die Social-Media-Redaktion der „ZiB“ aufgebaut. Wie viele Stunden pro Tag verbringen Sie selbst in den sozialen Medien?
Vier bis fünf.
2024 haben Sie dort geschrieben: „Das war‘s für mich mit Twitter“ und den Account stillgelegt. Was kümmert es Elon Musk, ob Sie noch auf X sind oder schon auf Bluesky?
Gar nicht, nehme ich an. (lacht) Aber mich! Elon Musk hat aus Twitter leider eine rechtsradikale Hassschleuder gemacht. Wenn ich was gepostet habe, hatte ich nach einer halben Stunde 200 Kommentare darunter, von denen 190 irgendwelche Beschimpfungen von anonymen Trollen waren, und ich habe dazwischen die vernünftigen Reaktionen nicht mehr gefunden. Ich will mich dort nicht mehr aufhalten.
Sie hatten dort immerhin 700.000 Follower, auf Bluesky sind es noch 70.000. Wo sind die alle hin?
Bluesky ist viel kleiner. Ich weiß nicht, wo die 700.000 sind, ich weiß nur, dass es mir jetzt besser geht.
Wie viele Hasskommentare bekommen Sie pro Tag?
Seit ich nicht mehr auf X bin, deutlich weniger. Nach manchen Interviews 100. Manchmal gibt es auch Tage, wo gar nichts kommt, aber die sind selten. Viel öfter kriege ich aber Lob. Glücklicherweise.
Der ORF ist zuletzt durch unappetitliche Affären und Skandale in die Schlagzeilen geraten. Während wir hier sitzen, bekämpft Ex-Generaldirektor Weißmann vor dem Arbeits- und Sozialgericht gerade seine Kündigung, er will vier Millionen Euro. Sind Sie noch stolz, beim ORF zu arbeiten?
Ich arbeite wahnsinnig gern für den ORF, weil ich glaube, dass er für dieses Land ein unendlich wichtiges Medium ist, in dem sehr viele sehr begabte, kreative, fleißige Leute arbeiten und wirklich wichtige, sinnvolle und tolle Dinge machen. Ich würde für kein Medium in Österreich lieber arbeiten.
Könnten Sie sich also nicht vorstellen, zu einem anderen Sender zu wechseln?
In Österreich nicht. Ich hatte vor ein paar Jahren ein Angebot eines großen deutschen Senders. Darüber habe ich ernsthaft nachgedacht. Aber meine Frau und ich möchten keine Fernbeziehung führen.
Sie haben vorgeschlagen, die Zahl der Stiftungsräte zu reduzieren. Gegen den obersten Stiftungsrat wird jetzt wegen Nötigung ermittelt. Sollte er zurücktreten?
Der Redaktionsausschuss des ORF hat schon vor Monaten eine Resolution beschlossen, in der vier Stiftungsräten das Misstrauen ausgesprochen wurde, auch dem Vorsitzenden.